Denken in Szenarien: über Prognosen in Zeiten der Unsicherheit

Im politischen Ausnahmezustand sind Prognosen über die weitere Entwicklung an den Kapitalmärkten besonders unsicher. Wer in dieser Lage Handlungsideen entwickeln will, ist gut beraten, mehrere mögliche Zukunftsentwürfe zu vergleichen – nach Wirkung und Wahrscheinlichkeit.

 

Die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, sorgte unter Anlegern für Chaos und Verwirrung. Die meisten Prognostiker hatten schlicht nicht damit gerechnet, dass der Austritt wirklich stattfinden könnte. Ungläubigkeit herrschte auch, als Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten wurde. Und als Wladimir Putin am 24. Februar 2022 tatsächlich in die Ukraine einmarschierte, mussten viele Politiker und Ökonomen sich eingestehen, dass sie letztlich doch keinen Krieg erwartet oder jedenfalls auf eine andere Entwicklung gehofft hatten.

Die Beispiele der jüngeren Vergangenheit lehren: Hoffnung ist kein guter Ratgeber – und eine Prognostik, die sich nur auf einen möglichen Ausgang stützt, kann komplett durchfallen. Gerade in Phasen großer Unsicherheit bauen Anleger auf die Prognosen von Marktanalysten, von denen sie einen besseren Durchblick und kluge Handlungsempfehlungen erwarten.

Wie trägt man diesem Anspruch Rechnung? Indem man dem Ungewissen mit System begegnet. Konkret heißt das:

Statt uns einer einzigen Meinung zu dem anzuschließen, was kommen könnte, entwickeln wir mehrere mögliche Zukunftsentwürfe – und bewerten diese dann nach ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit. Das Instrument dafür entwickelte der US-amerikanische Zukunftsforscher Herman Kahn während des Kalten Krieges. Kahn arbeitete für die RAND Corporation, einen Thinktank, der bis heute das US-Militär berät.

Kahn entwickelte dort die Methode der Szenarioanalyse: Er konstruierte dazu mehrere mehr oder weniger wahrscheinliche Entwürfe der weiteren Entwicklung eines Sachverhalts – und untersuchte dann, unter welchen Bedingungen sie eintreten könnten, welche Variablen dabei eine Rolle spielten und welche Konsequenzen sich daraus ergeben würden. Den Nullpunkt für die Szenarien bildet stets das sogenannte Trend-Szenario. Hierfür werden bestimmende Einflussfaktoren unverändert fortgeschrieben. Verändert man nun nach und nach einzelne Variablen, entsteht daraus ein ganzer Fächer von Alternativszenarien, die mal mehr und mal weniger gravierende Konsequenzen haben. Die Methode eignet sich übrigens nicht nur zur Analyse einzelner Ereignisse wie Wahlen, deren Ausgang zwar ungewiss, bei denen aber schon klar ist, dass und wann sie stattfinden. Szenarioanalysen helfen genauso für das Verständnis komplexer Lagen ohne konkreten Bezugspunkt.

Um es am Beispiel zu zeigen, hier in stark vereinfachter Form eine Szenarioanalyse mit Blick auf die weitere Ölpreisentwicklung. Das Trend-Szenario wäre in diesem Fall, dass der Krieg in der Ukraine unverändert weitergeht. In der Folge bleiben auch Sanktionen in Kraft. Europa würde indes weiterhin russisches Gas einkaufen. Mögliche Folge: Es stellt sich ein neues Preisgleichgewicht für Rohöl ein. Ein alternatives Szenario wäre, dass der Krieg endet und Russland seine Truppen vollständig abzieht. Daraufhin könnte der Westen seine Energie-Sanktionen gegen das Land lockern oder gar aufheben. Am Ölmarkt würden die Preise nun sinken. Zugleich dürften die Europäer versuchen, die Abhängigkeit von russischer Energie langfristig zu reduzieren. Die dazu nötigen Investitionen bescherten der Energieindustrie ein Zwischenhoch. Drittes mögliches Szenario: Der Krieg in der Ukraine eskaliert, die Europäische Union verschärft ihre Sanktionen. Es kommt zum breiten Energieembargo und zu neuen Preisschocks. Die Suche nach alternativen Energielieferanten wird nun zum Wettlauf gegen die Zeit.

Nicht jedes Szenario ist gleich wahrscheinlich. Eine besondere Herausforderung der Szenariotechnik besteht darin, diese Wahrscheinlichkeiten nach eingehender Analyse abzuwägen, zu gewichten und zu bewerten. Immerhin haben sich seit Kriegsausbruch die geopolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen fundamental verschoben. Alte Gewissheiten sind neuen Unsicherheiten gewichen. Die Szenarioanalyse legt solche Unwägbarkeiten offen und hilft, Ursachen und Wirkungen einzuordnen.

Wichtig: Mit Hilfe der Szenariotechnik lassen sich zwar Anlagestrategien entwickeln, die Zukunft bleibt aber eben ein Stück weit ungewiss – und eine Szenarioanalyse ist keine Prognose. Stehen einem mögliche Ereignisketten allerdings erst vor Augen, fällt es aber zumindest leichter, Wechselwirkungen zu identifizieren und die Gefahr von Dominoeffekten zu bedenken.

Wer die Zukunft nur als Fortschreibung der Gegenwart betrachtet und dem Trend-Szenario folgt, wird womöglich von der Entwicklung überrascht. Analysten und Anleger tun also gut daran, auch unwahrscheinlichere Verläufe mitzudenken und in ihre Strategie einzubeziehen. Konkret heißt das: In Zeiten großer Unsicherheit ist eine Allwetterstrategie gefragt. Dazu gehört beispielsweise ein defensives Portfolio mit breiter Diversifikation und strategischer Reserve – für den Fall, dass es am Ende doch ganz anders kommt als erwartet.