Von Offshore-Zentren und Eurobonds

Offshore-Finanzmarkt ist ein sperriges Wort. Daher sprechen manche lieber von Steueroasen oder Schattenfinanzplätzen. Beide Begriffe haben allerdings einen eindeutig negativen Beigeschmack und treffen darüber hinaus das Wesen eines Offshore-Finanzplatzes nur unzureichend. Weder geht es dabei ausschließlich um Steuern noch sind an solchen Plätzen getätigte Bankgeschäfte in jedem Fall zwielichtig, auch wenn wir damit im Allgemeinen steuervermeidende oder –optimierende Praktiken verbinden.

Eingeführt wurde das Wort Offshore im Finanzbereich von britischen Bankern in den 1950er Jahren. Diese meinten damit eine bestimmte Form der internationalen Finanz: von den Bankern in London wurden Geschäfte, welche sie mit gebietsfremden Banken oder in ausländischen Währungen tätigten, unter dem Begriff Offshore verbucht.

Sie machten sich damit die allgemeine Bedeutung des Wortes Offshore, aus dem Englischen mit jenseits der Küste oder auf offener See übersetzt, zunutze und wendeten die Bedeutung im übertragenen Sinn also auf Geschäfte an, die entweder in anderen Jurisdiktionen oder mit Geschäftspartnern aus anderen Hoheitsgebieten abgewickelt werden. Offshore-Finanzdienstleistungen zeichnen sich also dadurch aus, dass sie nur gebietsfremden Geschäftspartnern angeboten werden – oftmals ja auch tatsächlich zu steuerlich attraktiven Bedingungen.

Auch bei der Verlegung eines Unternehmenssitzes in eine weniger rigide Jurisdiktion wird gerne das Wort Offshore in seiner negativen Bedeutung bemüht, dabei kann es durchaus legitime Gründe für einen solchen Schritt geben.

Zu den bekanntesten Offshore-Zentren zählen etwa die Schweiz, Bermuda, die Kaimaninseln, Panama oder Mauritius. Auch innerhalb der EU gibt es durchaus gewichtige Zentren, etwa Luxemburg und Irland, ebenso wie der US-Bundesstaat Delaware als Steueroase gilt. Dabei fällt das Niveau der regulatorischen Standards, der Steuererhebung und der Transparenz in den jeweiligen Ländern sehr unterschiedlich aus.

Es gibt sowohl Befürworter als auch Gegner, wobei erstere damit argumentieren, dass durch Offshorezentren der Kapitalfluss verbessert und internationale Geschäftstransaktionen erleichtert werden, während die Kritiker zurecht auf die Möglichkeiten verweisen, Steuerschulden oder unrechtmäßig erzielte Gewinne vor Behörden zu verstecken. Tatsächlich ist die internationale Staatengemeinschaft in den vergangenen Jahren deutlich härter gegen Steuervermeidungspraktiken über Steueroasen vorgegangen. So musste sich beispielsweise selbst die Schweiz, jahrzehntelang der Inbegriff für Anonymität in Finanzangelegenheiten, den Maßnahmen beugen und dem Datenaustausch mit anderen Staaten zustimmen.

Neben den im Allgemeinen bekannten steuerlich relevanten Punkten gibt es allerdings auch einige finanztechnisch wichtige Aspekte von Offshore-Geschäften. So ist eines der weltweit wichtigsten Finanzprodukte ein Offshore-Produkt: der Eurobond. Dieser hat dabei nichts mit den heute kontrovers diskutierten gemeinsamen Staatsanleihen der 19 Länder der Euro-Zone zu tun. Ein Eurobond ist vielmehr eine Anleihe in US-Dollar, emittiert in einem Finanzzentrum außerhalb der USA. Der erste Eurobond wurde 1963 für die damals staatseigene italienische Straßenbaufirma Autostrade emittiert.

Ein wesentlicher Aspekt des Eurobond-Marktes ist dabei der Umstand, dass Währungsausgabe (in den USA) und Geldschöpfung (in Offshore-Finanzzentren) über Ländergrenzen hinweg auseinanderfallen. Unter anderem ist dabei vor allem der Umstand wesentlich, dass die Vergabe von Offshore- US-Dollar-Krediten jenseits staatlicher Regulierung erfolgt und damit außerhalb der gesetzlichen Reichweite der USA. Damit ist die amerikanische Zentralbank, obwohl ihr die Aufgabe der Währungsausgabe zufällt, nicht zuständig für das an diesem Markt gehandelte Kapital in US-Dollar. Dabei ist dieser Offshore- Dollar zu einer Art globalen Währung und damit zum Zentralnervensystem der internationalen Wirtschaft geworden. Durch ihn wird internationaler Handel möglich und finanziell attraktiv. Gleichzeitig hat die Praxis der Offshore-Geldschöpfung aber einen wesentlichen Haken. Da sich die amerikanische Zentralbank FED bisher nicht zuständig fühlte, gab es im Krisenfall keine Zentralbank, die als Kreditgeberin letzter Instanz eingreifen konnte. Dem Offshore-Dollar wohnt also ein größeres Risiko inne als dem US-Dollar. Beteiligte Banken reagieren auf dieses Vakuum mit zusätzlichen Finanzinstrumenten, zum Beispiel Rückkaufvereinbarungen oder Zinsratenderivate und sichern damit das Risiko ab.

Als Reaktion auf die Turbulenzen an den Finanzmärkten im Februar und März 2020 und um den Zusammenbruch des globalen Finanzsystems zu verhindern, sah sich die FED im Frühjahr 2020 allerdings gezwungen, einen Paradigma Wechsel vorzunehmen und auch auf dem Offshore-Dollar-Markt regulierend einzugreifen. Dies geschah, indem sie ausländischen Zentralbanken seit damals unbegrenzte Kredite in US-Dollar gewährt und letztere damit regulierend bei Dollargeschäfte in ihrem Zuständigkeitsgebiet eingreifen können. Viele Experten sind sich ob dieser Maßnahmen einig, dass der Dollar damit endgültig zu der Weltwährung geworden ist.