Bulle und Bär - der Ursprung der ewigen Rivalen an der Börse
Kaum ein Bericht oder Artikel über das aktuelle Börsengeschehen, der nicht entweder durch Kursverläufe in Zackenform oder zwei voluminöse Tiere – Bulle und Bär – bebildert ist. „Bullish“ steht im Börsenjargon für steigende Kurse über einen längeren Zeitraum. Der französische Begriff dafür heißt „Hausse“. Das Gegenteil davon, „Bearish“ oder „Baisse“, steht für fallende Kurse. Mit „Crash“ bezeichnet man extreme Kursstürze. „Behauptet“, „gehalten“ oder „unverändert“ bedeutet gleich bleibende, kaum veränderte Kurse. „Freundlich“, „fest“ oder „erholt“ beschreibt tendenziell steigende Kurse. Doch warum stehen Bulle und Bär symbolisch für die Stimmung an der Börse?
Diese Frage ist nicht ganz so einfach zu beantworten, denn es gibt unterschiedliche Theorien. Die Wahrscheinlichste blickt auf das 16. Jahrhundert zurück: Im wohl ersten literarischen Werk zum Thema Börse verglich der spanische Autor und Edelmann Don José de la Vega seinen Besuch an der Börse Amsterdam in „Die Verwirrung der Verwirrungen: Vier Dialoge über die Börse in Amsterdam“ mit dem Geschehen während eines Stierkampfes. Dabei hatte er eine südamerikanische Art des Stierkampfes vor Augen, bei dem es wohl tatsächlich um einen Kampf zwischen Bär und Stier ging.
Auch eine Herleitung, dass an der Londoner Börse einst Anleger Aktien verkauften, die sie noch gar nicht besaßen (heute als sogenannte „Leerverkäufe“ nicht unüblich), und sozusagen das Fell des Bären veräußerten, bevor sie ihn erlegt hatten, wird gerne angeführt. Der Begriff "Bär" in diesem Sinne wurde auch in "The Anatomy of Change Alley", dem Roman von Daniel Defoe aus dem Jahr 1719 verwendet, in dem er feststellt: "Those who buy Exchange Alley Bargains are styled buyers of Bear-skins" (wörtlich: "Die Käufer des Gassenmarktes sind eine Art 'Verkäufer von Bärenhäuten', also Spekulanten"), mit dem Hinweis also noch auf spekulative Käufe in Zeiten von Marktabschwüngen für die Exchange Alley, einen Markt in einer Londoner Gasse, auf dem damals vom Fernrohr bis zu den Produktionen lombardischer Goldschmiede alles zu finden war. Außerdem wurden wohl auch in London Kämpfe zwischen (echten) Bären und Bullen ausgetragen, auf die man wetten konnte. Es handelt sich um Darbietungen, die wir heute als barbarisch bezeichnen würden und die zurzeit von Königin Elisabeth (1558-1603) in Mode waren.
Konkret wurden Bären oder Stiere in der Mitte eines Rings angekettet, ein Rudel Hunde auf sie gehetzt und zum Kampf gezwungen, um so dem Publikum ihre Angriffstechniken zu zeigen. Diese wurden Bullenschlag oder Bärenschlag genannt. Einigen Interpreten zufolge gingen die Ausdrücke über den Bullen oder den Bären von diesen Herausforderungen in den Volksmund über, bis sie die heutigen Finanzmarkbroker erreichten. Erst ein Jahrhundert später haben wir jedoch direkte Beweise für diese Ausdrücke. Die ersten Vorkommen der Begriffe Bär und Bulle in dieser Bedeutung gehen auf die englische Zeitung The Tatler zurück, wo am 7. Juli 1709 in einem Brief eines gewissen A.B. der Wunsch nach Beendigung von Duellen geäußert wurde und von einem Streit berichtet wurde, der in einer Schlägerei, aber ohne Blutvergießen, zwischen zwei englischen Offizieren endete, die später Frieden schlossen. In dem Brief wurde der Ausdruck "den Bären kaufen" verwendet, und die Redaktion der Zeitung erklärte: "Ich fürchte, das Wort 'Bär' wird von der gebildeten Öffentlichkeit kaum verstanden werden, aber ich kann erraten, was es bedeutet: wer einen realen Wert auf eine imaginäre Sache zusichert, wird 'den Bären verkaufen' genannt, und es ist dasselbe wie ein Versprechen zwischen Höflingen oder ein Versprechen zwischen Liebenden".
Der Bulle steht jedenfalls für eine Aufwärtsbewegung an der Börse (auch Bullenmarkt oder Hausse genannt), weil er die Kurse geradezu auf die Hörner nimmt, nach oben schleudert und so einer positiven Stimmung an den Kapitalmärkten Ausdruck verleiht. Auch wenn diese positive Stimmung nicht jeder, der von einem Bullen in die Luft geworfen wird, teilen möchte. Der Bär hingegen drückt sie mit seinen Tatzen nach unten, so steht der Bärenmarkt (oder Baisse) für sinkende Kurse und viel Pessimismus rund um die Aktienanlage.
Der Ausdruck "Bär" für einen potenziell spekulativen Markt erreichte jedoch Popularität mit der Blase der South Sea Company, einer 1711 gegründeten Gesellschaft, die ein Abkommen mit der britischen Krone unterzeichnet hatte, um die britischen Kriegsschulden (damals 10 Millionen Pfund) im Austausch für einen jährlichen Zins von 6% und das Monopol des Handels mit den spanischen Kolonien in Südamerika zu kaufen. Das Unternehmen begann, Aktien zu steigenden Preisen auszugeben, und infolgedessen begann das zu fallen, was wir heute als Gewinn pro Aktie bezeichnen würden, bis zum Crash, der auch die Anlagen des Wissenschaftlers Isaac Newton hinwegfegte, der 1720 20.000 Pfund (seine damaligen Lebensersparnisse) verlor und klagte: "Ich kann die Bewegungen der Sterne berechnen, aber nicht die Torheit der Menschen. Der Bär hatte wieder gesiegt, und obwohl in diesem Jahr der "Bubble Act" gegen Finanzspekulationen verabschiedet wurde (in der Praxis verbot er Aktiengesellschaften ohne Genehmigung der Krone), sollte es nicht das letzte Mal sein.
Bildlich vor Augen haben am Börsengeschehen Interessierte meistens die Skulpturen vor der New Yorker Börse an der Wallstreet oder der Deutschen Börse in Frankfurt. Wobei der dynamische Charging Bull 1989 vor der New Yorker Börse in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von dem sizilianischen Künstler Arturo de Modica direkt vor der Börse aufgestellt wurde. Da es deshalb zu Verkehrsproblemen kam, die New Yorker die Figur aber unbedingt behalten wollten, wurde sie etwas „verrückt“ und steht nun ca. 200 Meter entfernt von der eigentlichen Börse. In Frankfurt hingegen kam Bulle und Bär sozusagen die Börse im Hintergrund abhanden, denn das eigentliche Geschäftsgebaren findet längst außerhalb Frankfurts, in Eschborn, statt. Geschaffen hat die Skulpturen der Bildhauer Reinhard Dachlauer. Erst seit Oktober 1985 zieren sie den Platz vor der (alten) Börse, gestiftet anlässlich der 400-Jahr-Feier in Frankfurt.