Veranstaltungen

19. Anlegersymposium

Europas Wirtschaft an der Grenze. Nur das All ist unendlich!

21. Mai 2019 im FORUM von Brixen

 

Referenten: M.Sc. Christian Rinner und Prof. Dr. jur. Claus Kleber

 

Nachbericht

Claus Kleber über die Neuordnung der Weltmachtrollen: 
"Alles ist möglich. Nichts ist garantiert. Wir leben in interessanten Zeiten."

Mit Spannung erwarteten am Dienstag, den 21. Mai rund 550 Raiffeisen InvestmentClub-Mitglieder die Auftritte zweier renommierter Referenten im Forum Brixen: Prof. Dr. jur. Claus Kleber, Journalist und Moderator des ZDF-heute-Journals und M.Sc. Christian Rinner, Wissenschaftler und Produktmanager bei OHB System, einem der bedeutendsten Raumfahrtunternehmen Europas

Neue Welt-Unordnung - wo bleibt Europa?
China ist die aufstrebende Macht des 21. Jahrhunderts - mit atemberaubendem Aufschwung, boomenden Megastädten, Rekord-Investitionen und einer beachtlichen Steigerung des Wohlstands. 
Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde ist Exportweltmeister und holt bei den Zukunftstechnologien rasant auf. Entwicklungsprojekte wie die "Neue Seidenstraße" verschaffen internationalen Einfluss und sichern Ressourcen. Soweit bekannt. 
Was neu ist, skizzierte Journalist Claus Kleber in seinem Vortrag "Zwischen dem Ausstieg der USA und dem Aufstieg Chinas - wo bleibt Europa?" Am Beispiel der südpazifischen Insel Tonga zeigte Kleber die schleichende Infiltration Chinas auf, die 
im Jahr 2006 zu gewaltsamen Protesten der einheimischen Bevölkerung führte. "Die Weltordnung ist aus den Fugen. Wir erleben derzeit geradezu eine Umschichtung der Weltmachtrollen, deren Konstellation kaum mehr berechenbar ist", meinte Kleber kritisch. Eine entscheidende Rolle in diesem Prozess spielt US-Präsident Donald Trump, der mit seinem Amtsantritt eine komplette Kehrtwende in der amerikanischen Politik einleitete: Die USA konzentrieren sich immer mehr auf sich selbst und verabschieden sich von ihrer Rolle als Weltmacht. Währenddessen China - jenseits der sonst üblichen außenpolitischen Zurückhaltung - offensiv ein globales Machtanspruchsdenken formuliert und nach dem Westen greift. In einer pointierten Analyse beschrieb Kleber das chinesische Politsystem, das durch ein Machtmonopol der Kommunistischen Partei gekennzeichnet ist und wo Bürger mit technologischen Methoden der künstlichen Intelligenz überwacht und mit einem sozialen Punktesystem "erzogen" werden. Dahinter verbirgt sich ein Menschenbild, das konträr zu jenem der westlich-liberalen Länder steht: nicht das Individum mit seinen persönlichen Freiheitsrechten steht im Vordergrund, sondern die Gesellschaft als Ganzes, der sich jeder Einzelne unterordnen muss. 

Europa ist vom verwirrenden Kräftespiel der Mächte betroffen, etwa wenn sich die EU- und NATO-Mitglieder nur noch bedingt auf Sicherheitszusagen der USA verlassen können oder wenn transatlantische Standpunkte in wichtigen Fragen wie Klima-, Handels- und Sicherheitspolitik weiter auseinanderdriften. Während Amerika früher die Einigung Europas vorangetrieben hat, ist das Land heute eher auf die Spaltung Europas aus und freut sich, wenn die europäischen Staaten uneinig sind.
Der Versuch, Europa zu zersplittern, wird von den USA und China befeuert. Das sei eine große Gefahr. Kleber zeichnete für Europa ein düsteres, wenn auch nicht hoffnungsloses Bild: "Europa muss sich dem neuen Systemwettbewerb stellen
und schauen, dass es in dieser Entwicklung nicht untergeht." In dieser neuen Weltordnung hat der Staatenbund Europa laut Kleber nur als einheitlicher Block eine Chance. Dies verlangt von den einzelnen Nationalstaaten mehr Kompromissbereitschaft zum Wohle des Ganzen ab. Es erfordert auch die Notwendigkeit, Europas ökonomische Macht in einer gemeinsamen Haltung zu bündeln und dabei Entschlossenheit gegenüber den USA und China zu zeigen. Europa nach Partikularinteressen zu lenken, sei gerader in dieser Zeit ein Nonsens, betonte Kleber. Vielmehr gehe es darum, dass sich ein selbstbewusstes und freiheitliches Europa im Geist seiner Grundsätze neu profiliert und als handlungsfähiger Akteur erweist. 
Kleber schloss sein Vortrag mit der kryptischen Aussage: "Alles ist möglich. Nichts ist garantiert. Wir leben in interessanten Zeiten."

Werden wir den Mond besiedeln?
Um die Raumfahrt und das Wachstum ohne Grenzen, ging es im zweiten Vortrag des Abends. Der in Latsch geborene Wissenschaftler und Raumfahrtexperte Christian Rinner beschäftigt sich beim Unternehmen OHB  mit dem Bau von Satelliten 
für die Meteorologie und der Erdbeobachtung. Er beleuchtete die Entwicklung der „bemenschten“ Raumfahrt, die Energie- und Ressourcengewinnung im All und die Verlagerung von Produktionsmittel in die Erdumlaufbahn. Seit Juri Gagarin und Neil Armstrong hat sich die Raumfahrt laut Rinner nämlich stark verändert und sich von einer abenteuerlustigen Unternehmung ideologischer Politiker und narzisstischer Ingenieure zu einem nutzenorientierten Wirtschaftszweig entwickelt. Dienste aus dem All zur Telekommunikation, Navigation und Erdbeobachtung sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. So erlaubt beispielsweise die Satellitennavigation die Überwachung vom Wetter und kann vor Umweltkatastrophen zu warnen. Heute arbeitet die Raumfahrt mit Hochdruck an neuen Technologien für die Expansion des Wirkungsbereichs des Menschen über die Grenzen der Erde hinaus. Denn es mehren sich die Anzeichen, dass die Grenzen einer nachhaltigen Bewirtschaftung unseres Planeten bereits überschritten wurden. Was die Besiedelung anderer Planeten angeht, zeigte sich Rinner überzeugt: "Der Raumfahrttourismus wird bereits in 15 Jahren zu Preisen einer gehobenen Karibik-Kreuzfahrt möglich sein. Bis dahin werden wir auch den Mond recht regelmäßig bewohnen und womöglich bereits die ersten Menschen auf dem Mars und wieder zurück erlebt haben."